#IB Alumni – Sarah Windhorst im Interview

Fakultät International Business – Alles für Ihren Erfolg


In unserer Reihe „Careers“ fragen wir Alumni der Fakultät für International Business zu ihrem Berufsweg, ihrem Studium und zu dem, was ihnen wichtig ist.

Sarah Windhorst im Interview: Von Peking nach Japan – mein Fettnäpfchen-Hindernislauf, oder: auf die Schlappen kommt es an!

 

Im Tempel (2)Frau Windhorst, Sie haben Internationale Betriebswirtschaft – Interkulturelle Studien (IBIS) an der Hochschule Heilbronn studiert und haben Ihr Studium 2012 Derzeit genießen Sie eine kleine Auszeit. Wovon erholen Sie sich?

Ich erhole mich im Moment von 2 Jahren im bevölkerungsreichsten Land der Erde – China. Mein Partner wurde beruflich nach Peking geschickt und ich habe mich dazu entschieden, ihn zu begleiten. Ich wusste damals überhaupt nicht, worauf ich mich einlasse und habe recht spontan meinen (tollen!) Job in Deutschland gekündigt und bin ins Unbekannte geflogen. Im Nachhinein war die Entscheidung eine sehr mutige, aber die Richtige. Ich war insgesamt knapp zwei Jahre in Peking und habe dort auch gearbeitet. Wie im 3. Semester gelernt, erlebte ich den klassischen Kulturschock, nicht nur auf der Straße, sondern auch und insbesondere im Büro. Ich hatte ein stark medial geprägtes Bild von China, von den fleißigen, innovativen, ehrgeizigen und unheimlich agilen Chinesen. Ich erinnere mich auch sehr gut an einen Professor aus meiner Studienzeit, der uns damals mit seinen Geschichten über China, wie den Bau einer 6-spurigen Autobahn in nur zwei Wochen ein bisschen Angst machte. Allerdings muss ich sagen, dass ich von der Arbeitsmoral und der Schnelligkeit der Chinesen doch etwas enttäuscht war. Die zwei Jahre waren eine wahnsinnig spannende und besonders herausfordernde Zeit, aber überreich an Erfahrungen und absurden, lustigen Situationen, vor allem eben im Arbeitsleben – da halfen mir auch alle interkulturellen Theorien nicht mehr. Die tolle, aber eben auch unheimlich anstrengende Zeit ist seit Anfang dieses Jahres vorbei und ich orientiere mich nun wieder in der Heimat neu und genieße die deutsche Leichtigkeit und meine Freizeit.

 

In welchen Bereichen waren Sie seit dem Abschluss Ihres Studiums tätig?

Ich habe im 6. Semester glücklicherweise ein tolles Praktikum bei Kärcher Futuretech (Tochterunternehmen von Kärcher) im International Sales gemacht und konnte dort auch gleich mal meine Sprachkenntnisse aus dem Studium anwenden. Da das Unternehmen sehr klein war, war mein Aufgabenbereich sehr groß und ich war bei Kundenbesuchen aus aller Welt dabei. Bei Kärcher Futuretech hat es mir so gut gefallen, dass ich anschließend direkt als Werkstudent dort blieb und für den Bereich Sales weiterarbeitete. Als dann das Ende meines Studiums anstand, wollte mich das Unternehmen übernehmen und ich bleiben. Für mich als frischgebackene Absolventin, die am Wochenende noch schnell ihre Bachelor-Arbeit fertig  geschrieben hatte, kam das wie gerufen. Geplant war zwar zunächst, dass ich dort in der Export-Abteilung übernommen werden sollte, am Ende wurde mir jedoch spontan eine Stelle im Marketing angeboten, die ich auch annahm. Das war für mich besonders spannend, da ich den Schwerpunkt Controlling gewählt hatte und nach dem Marketing-Grundkurs auch nicht mehr besonders gut zugehört hatte in der Vorlesung. Dort krempelte ich zunächst alleine zwei Jahre lang das Marketing in der Abteilung um und baute ein Team mit drei Kollegen auf. Mein Aufgabenbereich umfasste verschiedenste Bereiche: Anzeigenplanung, Grafikdesign, Einkauf, Messeplanung und Messebau, Budgetverwaltung, Presse, Websitepflege, Praktikantenbetreuung, etc. Das war zunächst sehr anstrengend. Ich habe sehr viel gearbeitet, gesucht, gelesen, experimentiert und musste mich zum Teil auch „durchmogeln“. Gleichzeitig hatte ich aber auch die Freiheit, vieles selbst zu tun und zu entscheiden und vor allem auf internationale Messen zu fliegen, unter anderem nach Abu Dhabi, Paris und London.

Und dann kam China. Ich war dort zunächst im Unternehmen meines Partners tätig und hatte die Aufgabe, ein Marketingkonzept für China zu erstellen. Bis dahin gab es noch kein richtiges Marketing dort. Die Aufgaben ähnelten einerseits zwar denen, die ich bereits aus Deutschland kannte; andererseits bereitete mir “the Chinese way of doing things“ oder “not doing things“ nicht selten Probleme: Chinesen neigen dazu, Dinge zwar extrem schnell, aus deutscher Sicht jedoch nicht besonders ordentlich, qualitativ oder korrekt zu erledigen. Daran muss man sich erst mal gewöhnen. Mein Vertrag dort war befristet und sollte nur als Einstieg dienen, also machte ich mich wieder auf die Suche nach einer neuen Stelle. Da unverheiratete Paare in China nicht automatisch eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, musste ich unbedingt einen neuen Job finden, sonst hätte ich damals ausreisen müssen. Über ein paar Kontakte hat das glücklicherweise geklappt und ich landete als Project Lead Consultant bei VW New Mobility Services (Tochterunternehmen von VW Financial Services) in Peking. Hier war ich für den Bereich Aftersales zuständig, und es erwarteten mich mal wieder ganz neue Aufgaben. Dazu zählten beispielsweise die Prozesserstellung für IT-Themen, die Einführung neuer Zahlungsmethoden über WeChat (chinesisches äquivalent zu WhatsApp oder Facebook), rechtliche Themen sowie Produktbündelungen in den Bereichen IT, Finanzen, Recht und Produktmanagement. Leider endete meine Anstellung zum Ende des Jahres 2015, da der VW Konzern aus bekannten Gründen ja etwas sparen muss…

 

Während Ihres Studiums an der Hochschule Heilbronn spielten neben BWL auch die Sprachen auch die Interkulturellen Studien eine wichtige Rolle. Inwieweit profitieren Sie davon in Ihrem Berufsleben?

Die Sprachen und die interkulturellen Kompetenzen aus dem Studium sind für mich persönlich Gold wert, wobei ich auch sagen muss, dass Arbeitgeber diese Skills leider immer noch unterschätzen.  Ich habe im Bereich Sales die Sprachen Französisch, Englisch, Arabisch und Spanisch nutzen können, im Marketing später dann eher Englisch. In den ersten drei Jahren hatte ich Kollegen aus aller Welt und zu allen einen guten Draht, weil ich eben mitreden konnte. Was ich im Studium über Kultur und die Welt gelernt hatte, war zwar nützlich, aber nicht immer einfach umzusetzen, das kommt erst mit der Erfahrung. Dass ich Arabisch gelernt habe, hat mir für Chinesisch nicht direkt geholfen, aber mir auf jeden Fall die Angst vor einer unlesbaren neuen Sprache genommen. Wenn man einmal mehrere Sprachsysteme durchblickt hat, dann fällt die nächste exotische Sprache auch nicht mehr schwer. Jedoch ist das, was man im Studium in 3 oder 4 Jahren lernen kann, längst nicht ausreichend. Ich empfehle allen, einfach auszuschwärmen und zu sehen, wie es in der Realität aussieht.

 

Nun sind ja Theorie und Praxis zweierlei Dinge. Beschreiben Sie doch einmal ihr größtes interkulturelles Fettnäpfchen, in das Sie bisher getreten sind!

Ich bin ein großer Japan-Fan und habe während meiner Zeit in China auch einige Urlaube dort verbracht. Japan ist aber ein einziger Fettnäpfchen-Hindernislauf, wenn man sich nicht vorbereitet. Mit den meisten Gepflogenheiten bin ich vertraut, aber da gibt es knifflige Details. Mir fällt ein, dass ich einmal im Hotelzimmer nichtsahnend in die japanischen „Bad-Schlappen“ anstatt in die „Haus-Schlappen“ gestiegen (die stehen immer nebeneinander und sehen sich sehr ähnlich!) und dann damit durch das ganze Hotel in den Frühstücksraum gelaufen bin. Da gab es einige verwunderte Blicke. Dazu muss man wissen, dass die japanische Schlappen-Kultur von großer Bedeutung ist. Glücklicherweise sind die Japaner ein sehr freundliches Volk und keiner hat etwas gesagt oder böse reagiert. Ich habe es dann irgendwann gemerkt, weil alle anderen die richtigen Schlappen anhatten. Manchmal ist diese implizite Art gar nicht schlecht…

 

Welches waren Ihre spannendsten Herausforderungen, denen Sie während Ihrer Zeit in China begegnet sind?

Das spannendste und gleichzeitig auch herausforderndste war die chinesische Arbeitskultur. Es wird viel weniger Wert auf Qualität als auf Schnelligkeit gelegt und der tägliche Konkurrenzkampf zwischen den 1,4 Mrd. Chinesen ist überall spürbar. Die heutige arbeitende Generation der Chinesen besteht fast nur aus Einzelkindern, die von ihren Eltern stark verhätschelt und zum Erfolgsstreben erzogen wurden. Es ist die erste Generation, die seit mehr als 10 Jahren zum ersten Mal von einem Wohlstand profitiert, der ihnen ein eigenes Auto, ausländisches Essen oder sogar einmal eine Auslandsreise ermöglicht. Dies alles beeinflusst die chinesische Gesellschaft enorm; man spürt da schon einen gewissen Egoismus und einen starken Fokus auf das Thema Geld. Ich wurde dort im Büro zum ersten Mal in meinem Leben direkt nach meinem Gehalt gefragt, das ist für deutsche Kollegen undenkbar. Hinzu kommt, dass das Bildungssystem, sowohl in der Schule, als auch an der Universität, immer noch sehr auf Frontalunterricht, Dogmatismus und Auswendiglernen basiert. Auch bei der Arbeit hat mich schockiert, wie unselbstständig dort gearbeitet und wie wenig um die Ecke gedacht wird. Es besteht ein erschreckendes Hierarchiedenken; alles was gemacht wird, muss vorher von einem Vorgesetzten genehmigt werden. Das war speziell für mich als Projektmanagerin schwierig, da ich Kollegen Aufgaben geben musste, jedoch keine Vorgesetzte war.

Die spannendste Aufgabe im Berufsleben war, zu verstehen, was meine Kollegen wirklich meinen, wenn sie etwas sagen oder warum etwas so und so gemacht wird. Allerdings habe ich gelernt, in China nicht nach dem „Warum?“ zu fragen, denn das tut dort keiner.

Die Sprache war natürlich auch eine Herausforderung und hat mich teilweise an meine kognitiven Grenzen gebracht. Arbeitssprache war zum Glück immer Englisch. Interessant war auch, die chinesische Reisekultur: In China reist man NIE allein, das ist für den gemeinen Deutschen unverständlich. Auch an Menschenmassen muss man sich gewöhnen.

China steckt mit einem Fuß noch im Kommunismus, was man hauptsächlich an der Bürokratie, der Kontrolle und dem zensierten Internet spürt. Mit einer schlechten oder zum Teil sogar gänzlich ohne Internetverbindung zu leben, war für mich ziemlich aufreibend, besonders, weil der Kontakt nach Deutschland nicht immer so flüssig lief. Ich musste in China oft die Ruhe bewahren, sei es beim Gedränge im Supermarkt, bei der dritten Passkontrolle am Flughafen, beim zehnten Erklärungsversuch im Meeting oder beim Kaufen eines Bahntickets, was im Schnitt vier Tage dauert. Kein Land für schwache Nerven, aber dennoch unglaublich anders und interessant.

 

In Ihrem Berufsleben haben Sie ja wirklich spannende Erfahrungen gemacht. Engagieren Sie sich auch ehrenamtlich?

Ja. Ich persönlich brauche einen Ausgleich zum Büro, und das nicht nur in körperlicher, sondert auch in geistiger Hinsicht. Man wird als BWLer doch manchmal etwas spießig und verliert sich schnell in dieser mehr oder weniger kapitalistischen Welt und findet die Tür nach draußen nicht mehr. Ich bin derzeit freiwillige Deutschlehrerin für Flüchtlinge in Frankfurt und engagiere mich hier im Chor, in dem ich singe. Ich finde es wichtig, dass man sich sozial engagiert – nicht wegen des Lebenslaufs, sondern für die Gesellschaft und den eigenen Geist.

 

„Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“. Welche Bedeutung hat dieser Satz für Sie persönlich?

Er zieht sich eigentlich durch mein ganzes privates und berufliches Leben. Ich wollte Gartenwissenschaften studieren und bin im Studiengang IBIS gelandet, ich wollte im Auslandssemester nach Südamerika und bin in Ägypten gelandet, ich wollte bei einem großen Konzern arbeiten und bin in einem 150-Mann-Betrieb gelandet, ich wollte im Sales arbeiten und bin im Marketing gelandet, ich wollte mein Arabisch auffrischen und musste plötzlich Chinesisch lernen, ich suchte eine Stelle im Marketing und landete im Projektmanagement. Davon habe ich nie etwas bereut, ich war eben zu irgendeiner Zeit an irgendeinem Ort und habe bisher immer ja gesagt. Normalerweise habe ich bei größeren Vorhaben immer einen Plan A und meistens einen Plan B, langsam sollte ich damit aufhören. Im Moment bin ich in Frankfurt und suche eine Stelle im Marketing oder Projektmanagement im Maschinenbau, aber wer weiß…

 

…and last but not least: Ihr Motto?

Man darf das Leben nicht so ernst nehmen und muss immer genug Humor einpacken, wenn man unterwegs ist!

 

Frau Windhorst, wir bedanken uns herzlich für das Interview und wünschen Ihnen weiterhin alles Gute für Ihre Zukunft!

 




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