#IB Was ist eine Theorie?

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Carolin Schmidt und Maria Klewer nehmen derzeit teil an einer Doktoranden-Summer School in Ljubljana. Carolin Schmidt nutzte diese Gelegenheit, um sich intensiv mit dem Begriff „Theorie“ auseinanderzusetzen.

Der eine oder andere Student hat sich in den letzten Wochen bestimmt mal bei der Frage „Kommen auch Theoriefragen d‘ran?“ ertappt. In den Wochen vor den Klausuren bekomme ich diese Frage jedenfalls relativ häufig gestellt und stelle dann prompt die Gegenfrage „Was genau meinen Sie mit ‚Theorie’?“ Zeit, mal darüber nachzudenken!

Summer School Theory Development

Da kommt es ja sehr gelegen, dass ich in dieser Woche in Ljubljana auf einer Doktoranden-Summer-School mit dem treffenden Titel „Theory Development“ bin. Denn auch als Doktorand (oder vielleicht gerade deshalb) sollte man wissen, womit man es zu tun hat, wenn man in die Tiefen der Wissenschaft eintauchen möchte.

Theorie: Was ist es nicht?

Am ersten Tag des Kurses lernten wir zu allererst, was Theorie alles nicht ist. Das liegt daran, dass im Allgemeinen kein Konsens darüber besteht, was Theorie ist. Definitiv nicht Theorie sind Verweise auf andere Literatur, Variablen, Hypothesen etc. Sie alle sind Bestandteil einer Theorie, aber eben nicht das gleiche wie Theorie; ebenso wie jeder Dackel ein Hund, aber eben nicht jeder Hund ein Dackel ist. Ich habe den Eindruck – auch aus eigener Erfahrung – dass Studenten sich vor dem Theoriemonster geradezu fürchten. Können Studenten überhaupt schon eine Theorie entwickeln? Die Antwort ist einfach und ach so schön: Ja.

Only why explains

Theorie ist eigentlich nichts anderes als eine logische Folge von Argumenten. Neben den beiden deskriptiven Bestandteilen Was (Welche Variablen, Konstrukte und Konzepte sind Teil der Theorie?) und Wie (Wie hängen diese Variablen, Konstrukte und Konzepte zusammen?)  ist für eine Theorie aber vor allem eins wichtig: Das erklärende Warum! Whetten (1989) fasst das sehr schön in einem einzigen Satz zusammen: „How and What describe; only Why explains“.  Mit dem Warum muss der Leser davon überzeugt werden, dass die Argumentation schlüssig ist und die getroffenen Prognosen theoretisch fundiert, also nicht komplett aus der Luft gegriffen sind. Es enthält die der Theorie zugrundeliegenden Annahmen. Außerdem begründet es die Auswahl der Variablen, Konstrukte und Konzepte, die Teil der Theorie werden sollen.

Kurz: Welche Faktoren schaue ich mir an, wie hängen diese zusammen und warum glaube ich, dass eine Variable einen Einfluss auf eine andere Variable hat? Mit dem Wer, Wo und Wann kann die Theorie dann zusätzlich in einen spezifischeren Kontext gebracht werden.

Fassen wir mal zusammen. „Theorie“ ist nicht gleichbedeutend mit Referenzen, Daten, Variablen, Diagrammen und Hypothesen (Auflistung stibitzt aus Whetten (1989)). „Theorie“ ist auch nicht gleichbedeutend mit dem Begriff „Modell“. Ein Modell ist eine mathematische Schreibweise, die den funktionalen Zusammenhang (das Wie) zwischen den einzelnen Variablen (dem Was) darstellt. Was einem mathematischen Modell fehlt, ist das Warum. Die Gründe für den vermuteten mathematischen Zusammenhang müssen im Vorfeld dargelegt werden und machen eine Theorie erst komplett (ob die Theorie auch gut ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt) und kann empirisch getestet werden. Aber noch mal: Eine Theorie hat auch ohne Modell Bestand. Das Schreiben von Modellen kann man ja auch anderen Leuten überlassen. Stichwort: „outlook“ oder „room for future research“ 🙂

Behauptung plus Warum

„Teams sind produktiver als Mitarbeiter, die in Eigenregie arbeiten.“ Das alleine ist nichts weiter als eine Behauptung oder eine Hypothese. Warum sollte dem so sein? Was veranlasst mich dazu, eine solche Behauptung aufzustellen? Was aus der obigen Behauptung erst eine Theorie macht, ist das Warum. Warum sind Teams angeblich so viel produktiver? Vielleicht, weil sich Fähigkeiten gegenseitig ergänzen, oder weil man sich gegenseitig beobachtet und motiviert, oder weil man durch Brainstorming kreativer ist. Jetzt kann man diese Ansätze noch durch passende, bereits existierende Theorien ergänzen (Theorien zur Mitarbeitermotivation zum Beispiel), und schwupp, schon hat man eine Theorie entwickelt.

War doch gar nicht so schwer, oder[1]? Natürlich braucht man für speziellere Forschungsfragen auch ein gewisses Expertenwissen oder muss ein bisschen Arbeit in die Literaturrecherche stecken, aber eine relativ simple Theorie lässt sich schon mit einer Portion gesundem Menschenverstand aufstellen.

Theorie ≠ Definition

Übrigens: Bei den Fragen meiner Studenten, ob denn auch „Theorie“ in der Klausur abgefragt wird, stellt sich meistens relativ schnell heraus, dass mit den berühmt-berüchtigten Theoriefragen das Abfragen von Definitionen gemeint ist. Und nein, das kommt bei mir normalerweise nicht dran 🙂

Literatur: Whetten, D.A. (1989). What constitutes a theoretical contribution? Academy of Management Review 14, 490-495.

[1] Ich sehe langsam Licht am Ende des Doktorarbeitstunnels.


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